Energiewende ist wie Deutsche Einheit: Eine langfristige Aufgabe, in der Menschen und viel Kapital bewegt werden müssen

Von | 29. November 2016

Hohe Rendite, wenig Risiko – die Kombination passt nur selten. Es gab sie früher in der Energiewirtschaft, als man beim Bau eines beliebigen Kraftwerks schon die Rendite im Jahr 21, dem Jahr 1 nach Abschreibung, errechnen konnte. Da kaufe ich mir doch ein paar Aktien. So dachten wir, als der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank damals eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent als Geschäftsziel ausgab. Vorher galt, dass hohe Renditen nur zum Preis eines hohen Risikos zu haben sind. Aber hier behauptete ein erfahrener Bankchef, Schweizer noch dazu, das Gegenteil. Heute wissen wir: Auch die Deutsche Bank kann simple Wahrheiten nicht außer Kraft setzen. Hohe Rendite, wenig Risiko – die Kombination passt nur selten. Es gab sie früher in der Energiewirtschaft, als man beim Bau eines beliebigen Kraftwerks schon die Rendite im Jahr 21, dem Jahr 1 nach Abschreibung, errechnen konnte. Der fehlenden Konkurrenz und der staatlichen Regulierung sei gedankt. Viel Geld ohne Risiko konnte man auch bei den Erneuerbaren verdienen, weil Vater Staat unfähig war, angemessene Anreize zu setzen und flexibel auf die Marktbedingungen zu reagieren. Zum Glück vorbei.

Der Prozess der Deutschen Einheit war ein gigantisches Labor in Sachen Kapital- und Potentiallenkung. Menschen wurden in großer Zahl über die „Buschzulage“ im öffentlichen Dienst oder über die klassischen Mechanismen der Beförderung und des Gehaltsaufschlags in der Privatwirtschaft bewegt, in die neuen Bundesländer zu gehen. Das Kapital wurde gelockt mit Sonderabschreibungen und der Chance, überproportionale Renditen zu erzielen. Die Aussicht, Steuern zu sparen, hat sich als ultimativer Auslöser des Pawlowschen Reflexes der Bürgerinnen und Bürger ohnehin bewährt.

Wie riesig die Aufgabe Deutsche Einheut war und wie gut wir sie mit den Mitteln des Marktes gemeistert haben, können nur Leute ermessen, die 1990 Städte wie Leipzig, Wismar, Görlitz, Quedlinburg oder Dresden gesehen haben. Wer den Prozess der Deutschen Einheit analysiert, kann viel darüber lernen, wie man die Energiewende gestalten könnte.

Entscheidend fürs Gelingen der Einheit waren die Rahmenbedingungen, die langfristige und in die Zukunft reichende Investitionsentscheidungen möglich machten. Dazu zählt das Vertrauen in die Kontinuität des staatlichen Handelns. So konnte sich jeder Investor sicher sein, dass bei einem Regierungswechsel die neue Regierung am Ziel der Vollendung der Deutschen Einheit festhält. Wenn dieses Vertrauen bei der Energiewende bestehen würde, wäre schon viel gewonnen. Beim derzeitigen politischen Führungspersonal kann man sich nicht bei allen Personen sicher sein, ob sie die Braunkohle mehr lieben als die Sonnenenergie, während sie heimlich über das Ende der Atomkraft weinen.

Klarheit ist das, was der Energiewende fehlt. Alle langfristigen Investitionsentscheidungen brauchen klare Sicht. Lassen Sie uns darüber reden, wie man den Nebel und die Nebelwerfer vertreiben kann.
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Hubertus Grass
Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen war Hubertus Grass zehn Jahre als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen in Sachsen tätig. Danach wurde er Prokurist der Unternehmensberatung Bridges. 2010 bis 2011 leitete er die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Dresden. Seitdem ist er selbständig und berät in den Märkten Energie und Gesundheit.  Für die EnBW AG bloggt und moderiert er “ Dialog. Energie. Zukunft“ – den Energiewendeblog der EnBW. Bei der Jahreskonferenz 2017 wird er in der Session Gesellschaft als Referent vortragen.

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